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Naturwissenschaften

Interview von Svenja

Die Chemikerin Svenja Hinderer (30) hat eine Herzklappe entwickelt, die unserer natürlichen sehr nahe kommt. Sollte der menschliche Körper sie tatsächlich so gut annehmen, wie es im Labor den Anschein hat, dann wäre das ein Meilenstein in der Medizin. Kein Wunder, dass Svenja für ihre Doktorarbeit zu diesem Thema den Deutschen Studienpreis mit 25.000 Euro bekommen hat.

Ihr Fachbereich wird "Tissue Engineering" genannt. Was versteht man darunter?

Das klingt für ungeübte Ohren zunächst vielleicht etwas technisch. Wir suchen nach Geweben, die mit dem Körper kompatibel sind, und erforschen dann, was diese vor Ort genau können müssen. Das spezielle Gewebe, das wir für die Herzklappen entwickelt haben, soll bald kranken Kindern und Erwachsenen zu einem besseren Leben verhelfen.

Was ist das Vielversprechende an diesen Herzklappen?

Dass menschliche Zellen angelockt werden und daran andocken. In Zukunft soll es sogar so sein, dass das Implantat lediglich eine Trägersubstanz ist, die, nachdem sie in den Körper eingesetzt wurde, mit Zellen des Patienten besiedelt wird und sich selbst langsam auflöst. Das heißt, sie könnte nachwachsen und bei Kindern sogar mitwachsen. Sollte das funktionieren, ist es eine ziemlich große Sache.

Sie sind im schwäbischen Nürtingen geboren und haben dann an der Hochschule Reutlingen sowohl den Bachelor als auch den Master in Chemie gemacht. Zog es sie nie in die Ferne?

Der Grund war ehrlich gesagt, dass ich dort Chemie auf Englisch studieren konnte. Schon auf dem Gymnasium habe ich mich sowohl für naturwissenschaftliche Fächer interessiert, hauptsächlich für Chemie und Biologie, als auch für Englisch und Sport. Nach dem Abi war ich dann ein halbes Jahr lang in Kalifornien, um richtig gut Englisch zu lernen. Meinen ursprünglichen Plan, Chemie zu studieren, hätte ich danach beinahe über den Haufen geworfen, weil mir die Vorstellung, den ganzen Tag im Labor zu stehen und zu pipettieren missfiel. Aber dann entdeckte ich im Reutlinger Vorlesungsverzeichnis das Fach Angewandte Chemie mit Biologie- und Medizinbezug – auf Englisch! Ich bewarb mich – und bin bis heute glücklich darüber.

Können Sie denn Ihr Englisch auch nutzen?

Ja, ich bin auf internationalen Kongressen unterwegs und forsche derzeit mit australischen Kollegen der Uni Sidney gemeinsam daran, meine Herzklappe weiter zu verbessern.

Wann kamen Sie auf Ihren Schwerpunkt Tissue Engineering?

Schon während des Studiums. Mir war klar, dass ich in Richtung regenerative Medizin gehen wollte. Dieser Aspekt, an etwas Sinnvollem zu forschen, das den Menschen weiterhilft und von gesellschaftlichem Nutzen ist, der ist mir sehr wichtig. Titel alleine interessieren mich nicht. Und Grundlagenforschung ist auch nicht so mein Fall, ich mag angewandte Forschung. Seit Sommer 2015 leite ich die Gruppe "Kardiovaskuläre Systeme, Biomaterialien und Bioimaging" am Fraunhofer-Institut für Grenzflächen und Bioverfahrenstechnik in Stuttgart – da fühle ich mich wohl.

Und an was arbeiten Sie gerade mit ihrer Gruppe?

Neben der Herzklappe, die eine weitere Schicht bekommen soll, damit sie nach dem Vorbild der Natur elastischer wird und nicht mit der Zeit ermüdet, forschen wir an einem injizierbaren Material, das nach einem Herzinfarkt zum Einsatz kommen soll. Ein weiteres Projekt ist die Beschichtung von Blutgefäßen, damit sie nicht verstopfen.

Was machen Sie, wenn es mal nicht wie geplant läuft?

In solchen Situationen setze ich mir kleine Ziele, denke mir ganz bewusst kleine Schritte aus, und freue mich dann darüber, wenn ich sie erreiche. Bei zu großen Zielen ist man leicht zu deprimieren. Und falls mal etwas wirklich schiefläuft, gehe ich raus aus dem Labor, um Sport zu machen und durchzuatmen. Ich rudere gerne auf dem Neckar, fahre Ski und spiele Tennis.

Und was empfehlen Sie Studierenden, die Karriere in den Naturwissenschaften machen wollen?

Es gibt heute die verrücktesten Studiengänge, die in die Breite gehen und deshalb an der Oberfläche bleiben. Ich rate jedem, in die Tiefe zu gehen, sich bald einen Bereich auszuwählen, in dem man Experte wird. Also mein Tipp: Sucht euer Steckenpferd!

Text: Ilona Jerger
Bild: Körber-Stiftung/David Ausserhofer

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