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04.10.2011
Es gibt viele Gründe, warum Frauen in MINT-Berufen so stark unterrepräsentiert sind. Seien es Geschlechterstereotype im Elternhaus, der trockene, eher auf männliche Lernbedürfnisse zugeschnittene Physik-Unterricht in der Schule oder die Lehrkultur an den Universitäten – jede Bildungsstufe kann zu einer Falle werden, in der Mädchen und junge Frauen den Mut oder das Interesse an MINT-Fächern verlieren. Engagierte Hochschullehrer/innen der TU Dresden versuchen, diese Entwicklung aufzuhalten:
Mit FINA (Frauen in Ingenieur- und Naturwissenschaften) haben sie in Zusammenarbeit mit Kitas, Schulen und Unternehmen aus der Region ein integratives Gesamtkonzept entwickelt, das Mädchen und junge Frauen vom Kindergarten über Schule und Universität bis zum Übergang in den Beruf in ihrem Interesse für Ingenieur- und Naturwissenschaften bestärkt. Ihre Überzeugung: Unterricht und Lehre müssen sich stärker an der Arbeits- und Lebenswelt orientieren! Für den Nationalen Pakt "Komm mach MINT!" bietet FINA wertvolle Ergebnisse, die auch durch weitere Institutionen genutzt werden können, um mehr Frauen für MINT-Studiengänge und die entsprechenden Berufe zu gewinnen.
Eine solche Aufregung herrscht sonst selten im Chemieunterricht. „Damit können wir ja sogar Geld verdienen!“, ruft eine Schülerin begeistert. Die Mädchen der Klasse 10 haben soeben dem Geschäftsführer eines realen sächsischen Chemieunternehmens ihren selbst produzierten Biodiesel vorgestellt und seine Kosten- und Ökobilanz erläutert. Die Präsentation markiert das Ende einer Projektwoche, in der sie – als Mitarbeiterinnen der fiktiven Firma BioFuel – ein Verfahren zur Produktion und Optimierung von Biodiesel entwickelt haben. Sie nahmen dabei verschiedene Rollen ein: die Chemikantinnen übernahmen die Herstellung, die Chemielaborantinnen die Qualitätssicherung des Biodiesel. Die Chemikerinnen überwachten und bilanzierten den Prozess und präsentierten schließlich die Ergebnisse.
BioFuel ist nur eins von zahlreichen Projekten, die Wissenschaftlerinnen der TU Dresden – eines langjährigen „Komm mach MINT!“-Partners – für FINA entwickelt haben. Finanziert wurde das Vorhaben mit Mitteln des Sächsischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst im Rahmen des Hochschulpakts 2020. Ob Schüler einen Frost-Tester konstruieren, eine Eisbahn bauen oder die Bedingungen für guten Handy-Empfang ermitteln – alle Aufgaben eint, dass sie mit ganz konkreten Alltagsproblemen oder mit realen Berufsbildern zu tun haben. „Für Frauen ist ein kontext- und lebensweltbezogenes Lernen wichtiger als für Männer“, sagt Manuela Niethammer, Professorin für Bautechnik, Holztechnik sowie Farbtechnik und Raumgestaltung an der TU Dresden. Ein trockener, rein fachbezogener Unterricht in Physik oder Chemie wirke sich deshalb für Mädchen besonders nachteilig aus. „Wenn man den Unterricht aber in eine gesellschaftliche Relevanz einbindet, entwickeln Schülerinnen ein ebenso großes Interesse wie Schüler.“
FINA beschränkt sich aber nicht nur auf Schulprojekte. Gemeinsam mit der Gleichstellungsbeauftragten Dr. Brigitte Schober entwickelten Niethammer und Carolin Frank die Idee zu einem Projekt, das alle Bildungsstufen vom Kindergartenalter über Schulzeit und Studium bis zum Berufseinstieg umfasst. „Wenn man erst in der zehnten Klasse mit der Förderung beginnt, ist es schon zu spät. Da sind die Interessen schon ziemlich festgefahren“, sagt Schober, die das Projekt über die gesamte Laufzeit von Oktober 2008 bis Dezember 2010 koordiniert hat.
FINA umfasst entsprechend vier Teilprojekte:
Integrativ ist FINA aber nicht nur, weil es verschiedene Bildungsstufen übergreift. Für das Projekt haben Fachdidaktik und Fachwissenschaft eng zusammengearbeitet: Lehramtsstudierende bildeten Tandems mit Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftlern. Davon konnten alle Seiten profitieren. „Für die Schülerinnen und Schüler bringt es ja nichts, wenn man ihnen nur Show-Experimente zeigt. Das hat mit der späteren Arbeitswelt nichts zu tun“, sagt Carolin Frank, die das Teilprojekt 2a im Chemiebereich mitbetreut hat, mit Blick auf das sonst übliche Programm für Schnuppertage an der Universität. „Es ist auch nicht leicht, eine Gruppe von dreißig Kindern im Labor zu beschäftigen, ohne dass sie sich langweilen.“ Hier halfen die Lehramtsstudierenden weiter, indem sie die Aufgaben und Experimente didaktisch aufbereiteten. So konnten sie ihrerseits schon Praxiserfahrung für den künftigen Beruf sammeln.
Durch die Zusammenarbeit mit Kitas, Schulen und Unternehmen konnte die TU Dresden ein ganzes Netzwerk aufbauen, das auch künftig von Nutzen sein wird. „Es melden sich vor allem solche Unternehmen für eine Kooperation an, die selbst unter Fachkräftemangel leiden“, so Frank. Alle teilnehmenden Betriebe nahmen die Mädchen bereitwillig auf und zeigten ihnen die Arbeitsprozesse, die diese dann aktiv nachvollzogen. Dadurch werden auch die Firmen transparenter, wie Niethammer betont: „Die Schülerinnen sehen ja: Ich habe hier ein Super-Unternehmen in meiner Nachbarschaft.“ Mit diesen Kooperationen wird die Universität ganz nebenbei ihrem gesellschaftlichen Auftrag gerecht, in die Region hineinzuwirken.
FINA setzt in vielen Institutionen etwas in Bewegung – auch an der Hochschule selbst. So besteht beispielsweise das Grundstudium in den Ingenieurwissenschaften vor allem im Auswendiglernen von mathematischen, physikalischen und chemischen Formeln. „Es heißt immer, durchs Grundstudium muss man irgendwie durch“, sagt Niethammer, „Wofür man die Grundlagen braucht, wird man irgendwann schon mitkriegen.“ Da wundert es nicht, wenn viele Studierende aufgeben und ihr Studium in den ersten Semestern abbrechen – vor allem Frauen. Für sie steht deshalb fest: Um mehr Frauen für MINT-Fächer gewinnen zu können, muss sich auch an der Hochschuldidaktik etwas ändern. „Wenn eine technische Universität über die Interessen von Studieninteressentinnen und Studentinnen nachdenkt und hierzu ein interdisziplinäres Kooperationsprojekt mit zahlreichen, nachahmenswerten Praxisbeispielen für die Lehre entwickelt, bedeutet das eine Kulturveränderung“, lobt Barbara Schwarze, strategische Beraterin des Nationalen Pakts „Komm mach MINT.“. „Wichtig ist nun eine Unterstützung dabei, dieses erfolgreiche Projekt durch eine noch stärkere Breitenwirkung mit kooperativen Schulen und der Wirtschaft in Sachsen auszubauen.
Die Laufzeit von FINA endete zwar mit dem Jahr 2010. Viele Projekte führt die Universität aber weiterhin durch. So findet auch in 2011 ein Physikcamp für Mädchen statt, in dem es – neben Aktivitäten wie einem Stadtbummel und dem Feiern einer Grillparty – auch um Fragen geht wie „Erfahre, wie du dich vor einem Bewegungsmelder unsichtbar machen kannst“ oder „Wie wird der Inhalt eines Briefes sichtbar, ohne dass der Umschlag geöffnet wird?“ Gerade die Verbindung von Freizeit und Lernen ist es, die bei Schülerinnen gut ankommt. So hat es Gesche Pospiech, Professorin für Physikdidaktik, beobachtet. „Wir profitieren vom Freundinnen-Effekt. Mädchen, die sich bisher nicht für Physik interessiert haben, nehmen trotzdem teil, weil ihre Freundinnen da sind“, so Pospiech. „Dann erfahren sie, dass Physik etwas mit dem Alltag zu tun hat und wie spannend das sein kann.“
Die Schulprojekte sind so angelegt, dass z.B. Lehrerinnen und Lehrer sie mit einfachen Mitteln eigenständig durchführen können. „Mit der normalen Ausstattung eines Fachraumes kann man die physikalischen Experimente ohne weiteres nachmachen“, sagt Pospiech. Sogar Chemie-Projekte wie der Bau einer Eisbahn seien mit einfachen Mitteln durchzuführen. Die Materialien könne man allesamt günstig im Baumarkt kaufen. Auch die Unternehmen können sich selbständig auf die Suche nach den Fachkräften von morgen machen. So arbeitet ein Betrieb infolge eines FINA-Projekts weiterhin für einzelne Projektwochen oder -tage mit einer Schule zusammen, ohne dass die Universität noch unterstützen musste.
Nun kommt es nur noch darauf an, dass Lehrende an Schule und Universität sich auf die neuen Methoden einlassen. Dass sie häufiger monoedukative Gruppen bilden und Aufgaben stellen, die sich an der Lebens- oder Arbeitswelt orientieren. „Eigentlich steckt dahinter eine Philosophie des Lehrens“, sagt Niethammer. „Viele haben das Verständnis: Wir machen Mathematik, Chemie, Physik, und ich sage euch als Lehrer, wie die Fachwissenschaft funktioniert.“ Hier müsse es ein Umdenken geben, denn: „Schule sollte dazu da sein, dass wir uns die Welt ansehen, in der wir leben, und diese Welt für uns erschließen.“ Von diesem Konzept könnten alle Schülerinnen und Schüler profitieren – nicht nur die Mädchen.
Wie es weiter geht!
An der TU Dresden ist man stolz auf die Ergebnisse des FINA-Projekts. So kündigte der Rektor, Professor Hans Müller-Steinhagen, anlässlich der Abschlusstagung weitere Aktivitäten an: „Um das große Potenzial von Frauen für den MINT-Bereich zu erschließen, benötigen wir eine möglichst individuelle, bildungsstufenübergreifende Förderung, die im Kindergartenalter einsetzt und über Schule und Studium bis zum Berufseinstieg reicht. Hier setzt das integrative Konzept des FINA-Projekts mit Erfolg an. Darüber hinaus wird die TU Dresden gemeinsam mit der Stadt Dresden, den Mitgliedsorganisationen des Dresden-concept und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt ein umfassendes Programm für die Zusammenarbeit mit den Schulen der Region Dresden etablieren.“
So können sich Schulen in der Dresdner Region bereits für die Teilnahme an einem Projekt oder für ein Fortbildungsangebot anmelden. Weitere Informationen gibt es unter http://tu-dresden.de/fina
Die Leitung der TU Dresden plant darüber hinaus, eine Stelle an der Universität einzurichten, die alle Aktivitäten für Frauen im MINT-Bereich koordiniert.
Über „Komm, mach MINT.“
„Komm, mach MINT.“ – der Nationale Pakt für Frauen in MINT-Berufen zwischen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Medien will das Bild der MINT-Berufe in der Gesellschaft verändern. „Komm, mach MINT.“ ist Teil der Qualifizierungsinitiative der Bundesregierung „Aufstieg durch Bildung“ und wurde 2008 auf Initiative von Bundesbildungsministerin Annette Schavan mit dem Ziel gestartet, junge Frauen für naturwissenschaftliche und technische Studiengänge zu begeistern sowie Hochschulabsolventinnen für Karrieren in der Wirtschaft zu gewinnen. Über 90 Partner aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und den Medien, zu denen auch die TU Dresden im Verbund der German Institutes of Technology e. V. – TU9 gehört, unterstützen aktuell diese Zielsetzung mit vielfältigen Aktivitäten und Maßnahmen zur Studien- und Berufsorientierung junger Frauen.