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18.11.2010
Dass man in nur sechs Stunden einen solch weiten Bogen spannen kann – das hätte vor dem MuT-Kongress im Produktionstechnischen Zentrum sicher keine der Schülerinnen gedacht: Sie wurden Zeugen echter Blitzeinschläge in unechte Bäume und hielten sich dunklen Sichtschutz vor die Nase, während sie kleine Niedersachsenrösser mit dem Plasmabrenner ausschnitten und später schweißten. Sie besuchten den Nanokosmos in einem Truck des BMBF und den Mikrokosmos in den Seminarräumen des Instituts für Mikroproduktionstechnik IMPT, dem Gastgeber des Kongresses. Sie erfuhren nicht nur die Lebenswege, sondern erfragten auch die Lieblingsfilme gestandener Technikfrauen, und sie durften sich schon im zarten Schülerinnenalter von 12 bis 18 Jahren von all den Ausstellern im Spine – überwiegend durch Frauen repräsentiert – umworben fühlen.
Der Ingenieurmangel hemmt schon jetzt viele Unternehmen in ihrer Entwicklung und wird zum ernsten Problem für die deutsche Wirtschaft. Das größte Potenzial, die Entwicklung positiv zu drehen, bieten all die begabten und interessierten Mädchen, die bislang den Schritt hin zu einem technischen Studium nicht gewagt haben. Und es gibt noch einen weiteren Grund, betont Professor Lutz Rissing, Institutsleiter am IMPT, warum Hochschulen und Unternehmen Ingenieurinnen wollen und warum es den MuT-Kongress gibt: »Frauen spielen auf Konsumentenseite längst eine zentrale Rolle. Sie legen bei Autos zum Beispiel weniger Wert auf PS, wichtiger sind für sie Praktikabilität und Verbrauch. Bei anderen Produkten liegen die Unterschiede nicht so auf der Hand. Um den Interessen der weiblichen Käufer besser gerecht zu werden, ist es ein riesiger Vorteil, wenn auch Frauen diese Produkte entwickeln, gestalten und bauen.«
Welchen Stellenwert die »Ingenieurinnenfrage« hat, betonte auch die Niedersächsische Ministerin für Wissenschaft und Kultur Johanna Wanka, die die Schirmherrschaft für die Veranstaltung übernommen hatte, in ihrem Grußwort. Und Professor Erich Barke, Präsident der Leibniz Universität Hannover, besuchte Mädchen, Macher und Aussteller persönlich und informierte sich über den Kongress.
Gleich zu Beginn des MuT-Kongresses führte Mirko Schaper, gerade habilitierter Oberingenieur am Institut für Werkstoffkunde (IW), den Gästen vor, was heute meistens für Wissen gehalten wird. »Wer hat die «333-Issos-Keilerei» gewonnen?«, fragte er in den vollbesetzen Hörsaal des Produktionstechnischen Zentrums – Schweigen. Nicht so schlimm, findet er, denn nach dieser Keilerei habe es diverse Folgeschlachten gegeben und was helfe dieses Wissen auch weiter? Viel wichtiger sei die Entwicklung neuer Werkzeuge und neuer technischer Möglichkeiten, die tatsächlich Meilensteine gewesen seien und die Lebensumstände der Menschen extrem verändert hätten. Am Ende hat er zwei gute Ratschläge für die Wahl des richtigen Studienfaches parat: »Das Studium muss Spaß machen, erstens. Und wenn man dann mehrere Fächer hat, die man alle gern machen würde – dann denkt daran, dass man in technischen Berufen auch Geld verdient.«
Die Physik-Entertainer von artewis, denen Technik erkennbar sehr viel Spaß macht, zeigten im Anschluss, wie das Feuer in die Welt kam. »Erst war die Elektrizität, dann das Feuer«, sagt Sascha Skorupka, selbst Laser-Physiker, tränkt einen Mini-Baum mit Benzin, stellt ihn auf eine kleine Anhöhe, erzeugt mit seinen Kondensatoren einen Blitz – und der Baum brennt. (Früher mussten die Menschen, ganz ohne Benzin, oft etwas länger auf ihr Feuer warten...)
Und dann: Raus in die Projekte! In 14 kleinen Teams, jeweils begleitet von einer Studentin oder jungen Wissenschaftlerin, probierten die Mädchen Technisches aus. Neben der sauberen Hightech fand gerade auch das Dreckige, Laute und Heiße große Fans: Die Mädchen, die in der Gießerei des IW mit Sand, flüssigem Metall und Gussformen arbeiteten, stellten fest, dass sie sich noch nie überlegt hatten, wie all die metallischen Alltagsgegenstände, etwa Türklinken, ihre Form bekommen. Großer Aha-Effekt, als sie selbst jetzt diese Gegenstände herstellten. Wer gerade nicht selbst Hand im Projekt anlegte, besuchte die etwa 20 Aussteller – unter anderem Volkswagen, Bosch, Ricoh, ADAC, Sennheiser – die den Spine in einen Markt der technischen Zukunftschancen verwandelten. Auch viele der Partner und Förderer des MuT-Kongresses stellten sich hier vor, etwa die Geschäftsstelle »Nationaler Pakt für Frauen in MINT-Berufen«.
Am frühen Nachmittag, oft noch mit einer Brezel in der Hand, fanden sich die Mädchen zu einem weiteren Highlight im Hörsaal ein: Ein Moderatorenduo – Studentin und Schülerin – befragte fünf Frauen auf der Bühne, die sich bereits für die Technik entschieden haben. Dabei waren unter anderem die Feinwerkmechanikerin Charlotte Schulz, die promovierte Ingenieurin Kathrin Voges-Schwieger und die Doktorandin Sabrina Plümer. Auch die Schülerinnen durften Fragen stellen – und das taten sie: Insbesondere wollten sie wissen, welche negativen Erfahrungen die Frauen in der Männerwelt gemacht hätten. Antwort: Wenn man eine Übung schwänzt und die einzige Frau ist, fällt das leider sofort auf. Auch die Antworten auf zwei weitere Fragen der Schülerinnen halfen, Brücken zu bauen zum »fremden Wesen Technikfrau«: Bei den Lieblingsfilmen der Frauen dominierten die »Mädchen«-Filme, etwa solche mit Julia Roberts. Und bei der Frage nach den Hobbies kam heraus: die Feinwerkmechanikerin tanzt Ballett. Ausgerechnet!