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MINT-Veranstaltungen

Interview Prof. Dr. Burghilde Wieneke Toutaoui

Eva Viehoff im Interview mit Frau Professor Dr. Burghilde Wieneke Toutaoui, Vorsitzende des fib (Frauen im Ingenieurberuf)

Eva Viehoff: Frau Professor Dr. Burghilde Wieneke Toutaoui, herzlichen Glückwunsch zu ihrem Amt als neue Vorsitzende des fib (Frauen im Ingenieurberuf). Was genau ist eigentlich der fib?

Der fib ist die Vertretung aller Frauen, die Mitglied im Verein Deutscher Ingenieure, dem VDI sind. Zurzeit sind etwas über 10.000 Ingenieurinnen im VDI organisiert – ihr Sprachrohr ist der fib.

Und welche Ziele verfolgt der fib?

Die Ziele des fib sind vielfältig. Die regionalen Arbeitskreise bieten vorrangig die Möglichkeit zur Vernetzung mit anderen Ingenieurinnen. Dazu werden Veranstaltungen ganz unterschiedlicher Art organisiert. Da geht es mal um fachliche Themen, wie z.B. Blockheizkraftwerke, aber auch andere Themen wie z.B. die Vereinbarkeit von Beruf und Familie werden aufgegriffen. Und es gibt auch Veranstaltungen, die einfach nur dem gegenseitigen Kennenlernen dienen und in einem gemütlichen Rahmen stattfinden.

Überregional macht der fib Lobbyarbeit, mit dem Ziel den Beruf der Ingenieurin und des Ingenieurs attraktiver zu machen, gerade für Frauen. Der fib sorgt dafür, dass die Ingenieurinnen auch im VDI Gehör finden. Da ist ja inzwischen auch schon einiges passiert, gerade auch im VDI. Wir haben erreicht, dass die Zusammenarbeit besser geworden ist, dass z.B. in den VDI-Nachrichten auch immer wieder Role Models vorgestellt werden, die zeigen, dass der Beruf auch für Frauen sehr interessant ist.
Zudem arbeiten wir über die Grenzen hinweg und vernetzen uns auch international.

Welche Ziele haben Sie sich für Ihre neue Amtszeit gesetzt?

Die Aktivierung der Arbeitskreise und deren Vernetzung ist ein sehr wichtiges Ziel. Wenn mir das gelingt, sind wir einen großen Schritt weiter. Und natürlich möchte ich, dass Frauen im Ingenieurberuf viel bekannter und sichtbarer werden. Es ist ja so, dass ein Engagement als Rollenvorbild auch immer viel Arbeitszeit kostet. Das können einzelne Frauen nicht immer und dauernd leisten. Da ist es gut, wenn die Basis breiter wird und mehr Frauen aus den Arbeitskreisen hier aktiv werden.

Wollten Sie schon immer Führungsverantwortung übernehmen?

Als Älteste von fünf Geschwistern hatte ich eigentlich immer Führungsaufgaben. Das wurde mir sozusagen in die Wiege gelegt. Diese frühe Verantwortung setzte sich fort. Ich war z.B. Klassensprecherin. Man kann sagen, da wo Arbeit droht, kann ich einfach nicht „Nein“ sagen.

Was waren für Sie die größten Beschleuniger oder brauchten Sie überhaupt einen Beschleuniger bei Ihrem Elan und Ihrer Energie?

Natürlich gab es Unterstützer – mein Doktorvater hatte immer größtes Vertrauen zu mir. Und auch später haben mich meine Vorgesetzten gut eingeschätzt, gefördert und gefordert.
Außerdem mag ich lieber selber bestimmen, als bestimmt zu werden. Ich habe wenig Angst vor Macht. Ich finde Macht an sich ist nichts Schlechtes.

Und wer hat Sie ausgebremst?

Ausgebremst hat mich die Geburt meines ersten Kindes. Dabei war ich mir damals gar nicht darüber im Klaren, dass das „Mutter werden“ eine Bremse sein könnte. Ich habe über zehn Jahre nur mit Männern zusammen gearbeitet und viele von ihnen hatten Kinder . Mein berufliches Umfeld hat mich dann aber ziemlich deutlich spüren lassen, dass das bei mir als Frau etwas ganz anderes ist. Vor allem wenn der Wunsch wie bei mir eine Einstiegspositionen auf dem Weg zur Werksleiterin war. Dieser Weg hat sich verschlossen.

Was meinen Sie, welche Eigenschaften sind besonders hilfreich, wenn ich Führungsfrau im MINT-Bereich werden möchte?

Eine der wichtigsten Eigenschaften ist für mich die Offenheit, sich auf die Blickwinkel der anderen einlassen. Was möchten die anderen erreichen? Was möchte ich erreichen? – Diese Fragen muss ich mir als Führungskraft immer wieder stellen. Es ist auch wichtig geduldig zu sein und die Ruhe zu bewahren, eine Eigenschaft, an der ich wohl mein ganzes Leben hart arbeiten mussZudem sollte man wissen, was man will und das muss man mit Bestimmtheit vertreten. Und ganz wichtig – nie den Humor verlieren!

Ist es sinnvoll, dass Frauen aus dem MINT-Bereich in Führungspositionen kommen?

Natürlich ist es sinnvoll; jede Frau sollte das erreichen können, was sie möchte ohne dass ihr Steine in den Weg gelegt werden oder sie an die sogenannte Gläserne Decke stößt. Erst wenn das ohne Probleme möglich ist, können Frauen auf allen Ebenen zeigen, was sie können.

Haben Sie ein Rezept, wie wir das jetzt erreichen?

Leider habe ich kein Patentrezept. Ich bin allerdings der Meinung, dass das Problem Frauen in Führungspositionen ein gesellschaftliches ist und nicht nur MINT-Frauen betrifft. Leider werden Frauen in unserer Gesellschaft noch falsche Vorstellungen vorgegaukelt. Vielen jungen Frauen ist nicht bewusst, dass sie für ihr Leben selbst verantwortlich sind. Und die Gesellschaft unterstützt dies, indem sie suggeriert, dass das, was Frauen in MINT tun, nicht sexy genug ist und dass es allein auf „gutes Aussehen“ ankommt.
Über ihr Leben sollten Frauen aber selbst bestimmen, selber Fehler machen und selber dafür gerade stehen! Dieses Bewusstsein fehlt mir oft.

Es stimmt, es gibt gesellschaftlich noch eine Menge zu tun! Mit Ihrer Biografie sind Sie jedoch ein beispielhaftes Rollenvorbild. Empfinden Sie sich auch so?

Nun da mögen Sie Recht haben. Aber es war nicht immer einfach, den Spagat zwischen Beruf und Familie hinzubekommen. Da gab es immer auch Momente des Selbstzweifels. Zum Glück arbeite ich wirklich gerne und sicher hat das auch dazu beigetragen, dass meine Kinder verstanden haben, dass sie für ihr Leben selbst verantwortlich sind.

Gerade dieses Aufzeigen des eigenen Weges motiviert junge Frauen ihren Weg zu gehen. Oft jedoch erfahren wir, dass Frauen, die ihren Weg gegangen und nun in Führungspositionen sind, nicht Rollenvorbild sein wollen. Wie kann es gelingen Führungsfrauen zu überzeugen, dass auch sie als Beispiel für einen Weg stehen können?

Also vielleicht ist „Beispiel“ ja auch das bessere Wort als „Vorbild“. So wird deutlich, dass das ein möglicher Lebensweg ist, aber eben auch nicht der einzige. Ich betreue gerade eine Schülerin von der Hauptschule. Und die hat sich darüber gewundert, dass ich drei Fremdsprachen spreche. Da habe ich gesagt: „Ja, Mädchen, ich bin ja auch mehr als doppelt so alt wie du, ich hatte ja auch fast dreimal so viel Zeit wie du eine Sprache zu lernen.“ Es geht eben nicht immer alles auf einmal und es ist wichtig dies auch zu zeigen, damit die Distanz nicht zu groß wird.

Sie sind auch als Professorin und Wissenschaftlerin tätig. Hochschulen und wissenschaftliche Einrichtungen tun sich, gerade auch im MINT-Bereich, sehr schwer Frauen in Führungsverantwortung zu bringen. Warum?

Ich sehe da eine Diskrepanz zwischen öffentlichen Aussagen und den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Es ist doch so, dass die Frauen, die für eine Führungsposition in Frage kommen, an ihrer wissenschaftlichen Karriere weiterarbeiten wollen. Die sind da, weil sie das Fach interessiert. Hier fängt die Problematik schon an, denn zumindest zum Einstieg in die wissenschaftliche Karriere reden wir nicht von einem geregelten 8-Stunden Tag. Zumeist fällt in diese Phase auch die Familiengründung. Das heißt, Beruf und Familie wollen täglich neu vereinbart werden – und dann soll man auch noch Führungskraft werden… . Gerade im MINT-Bereich kommt erschwerend hinzu, dass es dort relativ wenige Frauen gibt, die dann noch alle möglichen Gremienarbeiten machen sollen, wobei das auch nötig und sinnvoll ist. Es ist ein bisschen viel, was da an Anforderungen und Erwartungen an die Frauen gestellt wird.

Was müsste getan werden, um diese Situation zu verändern?

Es stellt sich doch die Frage, ob immer alles, also wissenschaftliche Karriere und Familiengründung, zwischen fünfundzwanzig und fünfunddreißig stattfinden muss. Ich möchte da eher ein Lebensphasenmodell propagieren, denn das jetzige Modell überfordert nicht nur die Frauen, sondern auch die Männer oft. Dann wäre da noch die Kinderbetreuung. Sie muss für Männer und Frauen geregelt werden. Das ist für mich selbstverständlich. Darüber möchte ich nicht mehr reden. Meine ganze Karriere ist "sponsored by French Government". Wenn meine Kinder nicht in einen französischen Ganztagskindergarten gegangen wären und französische Ganztagsschulen besucht hätten, dann hätte ich das alles nicht machen können.  Es gibt aber auch politische Rahmenbedingungen die ich ändern möchte. Zum Beispiel das Ehegattensplitting. Wenn es das nicht mehr gibt, sind Minijobs und Teilzeit unter 30 Stunden /Woche nicht mehr attraktiv. Damit wird auch erreicht, dass Männer und Frauen verstehen, dass sie für sich selber verantwortlich sind.

Zu guter Letzt, was ist Ihr Tipp für Frauen, die eine Führungsrolle im MINT-Bereich erreicht haben?

Da habe ich weniger einen Tipp als einen Wunsch. Und der heißt: „Bitte dranbleiben“. Es gibt auch jenseits der 50 eine Karriere. Wir sollten nicht seitwärts vor der Glasdecke ausweichen, denn dann fehlt uns die „kritische Masse“ um mit unseren „dicken Köpfen“ da auch mal durchzukommen.

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